Wie ist die Ausgangslage?

Die Region als Lebensraum und Objekt der Begierde

Rück- und Ausblick

Im 19. Jahrhundert hat das Ausseerland/ Hinterbergtal aufbauend auf dem Reichtum der Natur eine kulturell und wirtschaftlich herausragende Stellung erreicht.
Im 20. Jahrhundert wurden, initiiert durch visionäre Leitfiguren, die Rahmenbedingungen für die Entwicklung und das Wachstum in der Region geschaffen.
Im 21. Jahrhundert gilt es Antworten zu finden auf die Einflüsse grenzenloser Wirtschaft und Auswirkungen gesellschaftlichen und globalen Wandels.
Trends und allgegenwärtige Technologien können als Chancen genutzt oder zur Bedrohung der Einzigartigkeit von Landschaft, Brauchtum und Kultur werden.

Tourismus

Der Tourismus ist eng verknüpft mit Handel, Handwerk, Landwirtschaft und Verkehr. Er hat eine enorme Wirtschaftskraft und Wertschöpfung.

Touristen werden in Zeiten der Globalisierung mobiler, Pendlerströme durch Tagesgäste, Kurzurlauber und Zweitwohnsitzer nehmen zu. Alpine Landschaften werden zum Hotspot für Massen, Alpinsport ist Teil und Bereicherung des Lebens in der Region.

Zugleich werden vielerorts Entscheidungen in Tourismusentwicklung und Raumplanung rein wachstumsgetrieben gefällt und lokale Touristiker plädieren, oftmals gestützt auf dieselben „externen Tourismus-Studien“ wie aus den 1980er Jahren, immer noch eindimensional auf quantitativen Bettenzuwachs, Nächtigungszahlen und Ausbau der touristischen Infrastruktur. Die Schattenseiten des Overtourism sind sichtbar, Naturraum wird okkupiert, die Region steht vor neuen Aufgaben.

Zugleich aber ist der Trend zur „Sommerfrische reloaded“ und die Besinnung zum Ursprünglichen, Althergebrachten, Vertrauten, Einfachen erkennbar. Die Enkelgeneration der klassischen Sommerfrischler der 1970er Jahre findet den Weg zurück aufs Land, rekultiviert Familienzweitwohnsitze oder sucht bewohnbare Alternativen dazu.

Die familiär geführte Privatzimmervermietung erfährt neuen Zuspruch – für Betreiber und Gäste. Kontrastierend dazu sterben traditionelle Familienbetriebe aufgrund Investitionsstau, fehlenden Nachfolgern und Personalmangel.

Betongold

Oft unter dem Deckmantel notwendiger touristischer Infrastruktur, Entwicklungsmöglichkeiten für die Gemeinden, Arbeitsplatzschaffung und Förderung der regionalen Bauwirtschaft entstehen vielerorts Luxus-Chaletdörfer und Buy-to-let-Appartementmodelle, auch als lukrative Anlageobjekte für Immobilienspekulanten. Das Kapital formt die Entwicklung.

Der akute Boom in Hinterberg ist auch dadurch bedingt, dass Tirol, Kärnten, Salzburg und der Schladminger Bereich im Zuge vergangener teils massiver und unumkehrbarer Entwicklungen politische und gesetzliche Schranken bis hin zu Bausperren setzten.

Die Immobilienentwickler ziehen weiter in das unbedarfte Hinterbergtal und finden optimale Rahmenparameter vor: Hohe Bebauungsdichten, niedrige Liegenschaftspreise, wenig Zweitwohnsitzbeschränkungen und Entscheidungsträger, die hier zum Spielball werden.

Dies bedingt, dass zunehmend Flächen in Premiumlagen verbaut werden, die öffentliche Nutzung verloren geht, und die lokalen Liegenschaftspreise steigen. Das Überangebot am Markt führt zu Verdrängungswettbewerb und Übersättigung, die Wertschöpfung für die Region ist gering, Landschaft und Ortsbild leiden irreversibel.

Tourismusgemeinden leben heute oft nicht mehr vom Tourismus, sondern von der Bauwirtschaft. Durch Landschaftsfraß sägen sie damit an dem Ast, auf dem sie sitzen.

Chaletdörfer

Hüttendörfer als aktuelle Antwort auf den Trend nach dem Domizil in den Bergen gehen einher mit erheblichem Flächenverbrauch in privatisierten Premiumlagen für vergleichsweise wenige Übernachtungen.
Vielerorts werden sie als gewerbliche Beherbergung mit angeblichem Mehrwert für das öffentliche Interesse präsentiert (teils durch die öffentliche Hand mitfinanziert). Die einzelnen Gebäude werden aber von privaten Investoren gekauft und das Risiko verbleibt trotz Verträgen und Betreiberkonzepten, dass solche Chalets später unkontrollierbar und -exekutierbar als überwiegend leerstehende Zweitwohnsitze, statt touristisch genutzt, enden. Volkswirtschaftlich verdrängen diese Investitionsmodelle aufgrund eines klaren Wettbewerbsvorteiles die letzten verbleibenden touristischen Familienbetriebe.

Zweitwohnsitz – Problematik

Die Auswirkungen des Zweitwohnsitz-Booms überschwemmen seit den 1970ern Mitteleuropa. Die Thematik ist also bekannt und prognostizierbar.
Die Nachfrage nach dem prestigeträchtigen Zweitwohnsitz-Domizil am Land ist ungehemmt, sichbare Zeugen wachsen aus der Wiese.
Diese Destinationen werden wenig bewohnt, häufig auch nicht vermietet, stehen als kalte Betten leer. Zur Hochsaison kommt es zu Engpässen, in der Nebensaison verwaisen sie zu Geisterdörfern und schaden dem Image einer Region. Die Kommunen müssen eine immense öffentliche Verkehrs- und Infrastruktur auf Spitzenzeiten auslegen. Für im Schnitt 4-5 Wochen pro Jahr Vollbelegung. Kurzfristig schafft der Bau von Zweitwohnsitzen Gewinne für Investoren und Bauwirtschaft, langfristig verursacht er der öffentlichen Hand Kosten und bringt kaum nachhaltige Wertschöpfung in die Region.

Dorfgefüge und Sozialstruktur

Ein gesundes Dorfgefüge ist unmittelbarer Faktor für Lebensqualität und Zugehörigkeit. Durch maßstabslose Bauflut geht oft miteinher, dass Zweitwohnsitzende in das bestehende Gleichgewicht eines Dorfes und einer Region eintauchen. Manchmal mit, manchmal aber mit nicht kompatiblen Ansprüchen und Rahmenbedingungen.
Althergebrachte Treffpunkte und Kommunikationszonen sterben aus, Ortskerne verwaisen, stattdessen entstehen Gewerbezonen an der Peripherie. Einst renommierte Hotels undGasthäuser werden abverkauft und von ortsfremden Investoren zu lukrativen Bauträgerprojekten adaptiert.
Damit verschwinden sie unwiderrufbar aus dem Dorfleben und werden anonymisiert. Neue Regulative halten Einzug. Vielerorts leidet das Ehrenamt, die Dorfkultur, Brauchtum und Tradition und die Situation ist bereits schwer umkehrbar. Die Wahrnehmung an diesem schleichenden Prozess bereitet zunehmend Unbehagen und Machtlosigkeit, bei Einheimischen gleichermaßen wie Gästen.

Es bedarf einem Verständnis für die soziokulturellen Spielregeln einer Region.

Wohnen am Land

Die Freiheit selbstbestimmter Lebensgestaltung wächst. Deutlich mehr Stadtbewohner als noch vor einem Jahrzehnt würden gerne am Land leben. Das Refugium in den Bergen, der Landsitz in einer weitestgehend unbelasteten, ursprünglichen Natur- und Tourismusregion erfährt enormes Interesse und parallel akute Wertsteigerung.

Im Dorf und bei der ländlichen Bevölkerung selbst wandelt sich das tradierte, generationenübergreifende Zusammenleben an einem gemeinsamen Wohnsitz zu zeitgenössischen Anforderungen nach autarkem Wohnen im jeweils eigenen Wohnhaus. Damit geht enormer Flächenverbrauch (Zersiedelung), wie auch vielerorts Leerstand bei Altbauten und Ortszentren einher.
Das Leben im Alter und die Kinderbetreuung werden durch den Entfall der klassischen Großfamilienstruktur zum Brennpunktthema.

Leben und Arbeiten am Land

Bei jungen, gut ausgebildeten Einheimischen macht sich Landflucht, und damit einhergehend ein demographischer Wandel und Ortskernleerstand bemerkbar.
Der Generationenwechsel, insbesondere bei den Tourismusbetrieben verläuft oft nicht friktionsfrei. Investitionsstau bei der bestehenden Infrastruktur, mangelnde Perspektiven und Hürden (oftmals bedingt durch örtliche Neid- und Konkurrenz-Kultur, mangelndes gemeinsames Ziel/ Strategie) tragen dazu bei.

Familienbetriebe werden verkauft, Geschäfte aufgelassen und stehen leer.
Einseitige Spezialisierung auf Tourismus (mangelnde Diversifizierung am Arbeitsmarkt), aber auch ein Mangel an Wertschätzung und Verständnis für regionale Kompetenzen und Erkennen von Potentialen treibt den gut ausgebildeten, eloquenten Nachwuchs aus der Region. Das Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigene Kompetenz resigniert.
Wird diese Entwicklung nicht reguliert, ändert sich mittelfristig die Bevölkerungsstruktur. Durch Überalterung, Entfremdung und Mangel an örtlicher Wertschätzung sind Abwanderung und Verlust der Dorfgemeinschaft die Folge.

Diskussionskultur

Hinterberg war stets geprägt von signifikanten, charismatischen Machern, auch Querdenkern und Visionären, die sich für das Wohl der Region – auch für spätere Generationen – mit Engagement und Zivilcourage einsetzten. Dieses Selbstbewusstsein unserer Akteure und damit der Region ist heute weniger spürbar.

Viele Energien werden dafür aufgebracht, zu formulieren, warum etwas nicht geht, statt etwas gemeinsam gehend zu machen. Interesse und Hinterfragen wird oft als unliebsames Querulieren abgetan. Weitreichende Prozesse und Entscheidungen werden in kleinem Rahmen gefällt, Informationen sind schwer zugänglich. Eigeninitiatives Handeln kann gar suspekt wirken. Statt auf regional verankerte und etablierte Fachleute wird auf externe Experten gesetzt. Diskussionskultur, Lern- und Kritikfähigkeit nehmen ab, der öffentliche Diskurs verstummt zusehends.

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